Auch in Lohne gibt es die "Rotzlöffel-Republik"

Ausverkauftes Haus bei Autorenlesung über den Wahnsinn im Kindergarten

Eine Vierjährige in der Schule? Tanja Leitsch konnte es nicht glauben, als sie vom Wunsch der Eltern hörte. Doch tatsächlich sahen diese ihre Tochter als so hochbegabt an, dass die Kleine sogar bis zur Schulvoruntersuchung kam. Die Amtsärztin schüttelte genauso den Kopf wie die Erzieherinnen und verweigerte die Aufnahme in die Schule. Die Eltern waren maßlos enttäuscht, das Mädchen aber erleichtert.


Das ist nur eine Geschichte vom täglichen Wahnsinn in unseren Kindergärten, über die die beiden Pädagoginnen Susanne Schnieder und Tanja Leitsch einen Bestseller geschrieben haben. Am Donnerstagabend stellten sie „Die Rotzlöffel-Republik“ im Ludgerus-Werk Lohne vor.


Rund 120 Besucher, vorwiegend Erzieherinnen, hörten sich die Erlebnisse der beiden Autorinnen an und fanden sich in so manchen Erzählungen wieder. Schnieder leitet eine Kita in Lüneburg, Leitsch hat in einer Krippe gearbeitet, bevor sie durch den Stress gesundheitliche Probleme bekam und inzwischen in der Ausbildung von Erzieherinnen tätig ist. „Mögen Sie einen Beruf, in dem Sie nie ausreichen?“, fragte Leitsch zu Beginn provokant. „Suchen Sie einen Job, der unterbezahlt ist, keine Aufstiegschancen bietet und in dem Sie unerträglichen Lärm haben? Dann werden Sie Erzieherin.“


Die Autorinnen beklagten eine zunehmende Erwartungshaltung von Eltern und Politikern gegenüber den Kitas. Bereits in frühen Jahren solle jedes gesellschaftliche Problem gelöst und die Kinder in Projekten zu Umweltdetektiven und Müllexperten mit Ernährungsführerschein gemacht werden. Der Förderwahn nehme überhand. Damit seien die Erzieherinnen genauso überfordert wie die Kinder. Auf 25 Kinder kommen in Deutschland zwei Betreuerinnen. Ein Kindergartentag stecke voller Termine. Zeit zum freien spielen, zum ausprobieren und auch mal zum ausruhen gebe es kaum noch.


Und das, obwohl die tägliche Kindergartenzeit in den vergangenen Jahren immer länger geworden sei. Das bleibe nicht ohne Folgen für die heranwachsende Generation, warnten die beiden Praktikerinnen. „Viele Kinder verbringen mehr Zeit mit ihren Erzieherinnen als mit ihren Eltern“, sagte Leitsch. „Ist das richtig?“
Der Kindergarten könne bei allem Engagement das Elternhaus nicht ersetzen. „Nicht die Kita ist die erste Bildungseinrichtung eines Kindes. Es ist das Elternhaus“, betonte Susanne Schnieder unter Beifall. Stattdessen würden einige Eltern die Erziehung komplett auf die Pädagoginnen abwälzen. „Die wenige Zeit, die Mama und Papa zu Hause sind, soll ja nicht noch mit Erziehung vergeudet werden“, meinte Schnieder sarkastisch und erntete auch für diese Aussage Beifall.


Im Anschluss machten die Erzieherinnen im Publikum ihrem Unmut Luft und bestätigten damit die Autorinnen: Auch der Landkreis Vechta gehört offenbar zur Rotzlöffel-Republik.